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Das Eldest-Daughter-Syndrom, eine Analyse




Der Begriff Eldest-Daughter-Syndrom wurde erstmals offiziell als diesen, 2020 von der Paar- und Familientherapeutin Kati Morton in einem Tik Tok verwendet und seitdem immer populärer. Das Eldest-Daughter-Syndrom ist keine ofizielle Diagnose und wird von einigen Studien auch angezweifelt. Betroffene davon sind die ältesten Töchter in einer Familie, welche dann eine Art Rolle eines dritten Elternteils für ihre Geschwister übernehmen. Im Kern geht es darum, wie der familiäre Druck auf älteste Schwestern deutlich höher ist, wie auf jüngere Geschwister oder auch Brüder. Durch die gesellschaftlich geprägten Erwartungen auf Frauen wird von älteren Schwestern mehr Hilfe im Haushalt, bei der Betreung der Geschwister aber auch stärkere akademische Leistungen erwartet. Diese Erwartungen können zu herausragenden Führungskompetenzen, grosser Empathie, Selbstlosigkeit und einer stark ausgeprägten Eigenständigkeit führen, aber auch Selbstzweifel, Bindungsprobleme, Perfektionismus und übetriebener Selbstaufopferung können Folgen sein.

 

 

DIE BIOLOGIE DAHINTER

 

Wie schon erwähnt ist das Eldest-Daughter-Syndrom keine Diagnose, sondern ein psychosoziales Phänomen, dass durch gesellschaftliche Erwartungen entsteht. Spannenderweise gibt es aber biologische Grundlagen für das Eldest-Daughter-Syndrom. Wenn Mütter während der Schwangerschaft viel Stress ausgesetzt sind oder unter Depressionen leiden wird vermerkt das Prohormon DHEA-S (Dehydroepiandrosteronsulfat) ausgeschüttet, was bei dem Kind dazu führt, dass seine Adrenarche (kognitive Pubertät) früher beginnt. Diese verfrühte Kognitive Pubertät ist nur bei erstgeborenen Mädchen zu beobachten. Da die Mutter schon vor der Geburt Stress empfindet, löst ihr Körper das Problem damit, dass er ihr quasi eine CO-Mutter zur Seite stellt, die früher als normalerweise parat ist, sie im Altag zu unterstützen. Wichtig zu betonen ist, dass DHEA-S keinerlei Einfluss auf die sexuelle Pubertät hat.

 

 

DAS ESD UND DAS PATRIARCHAT

 

Es gibt Studien, die behaupten, dass es das Eldest-Daugter-Syndrom nicht gibt. Diese Studien kommen vorn renommierten Forschenden, die aber alle den gleichen Fehler machen. Sie vergleichen Geburtsreihenfolge, Intelligenz und sprechen über das Big-5 Persönlichkeitsmodell, vergessen aber dabei einen sehr wichtigen Punkt. Sie beziehen den Faktor, dass wir in einem Patriarchat leben, nicht mit ein und das, ist ein grosser Hauptverursacher des Eldest-Daugter-Syndroms. Das Patriarchat hat Frauen gegenüber grösseren Anforderungen, alles, jedem die ganze Zeit recht zu machen. Diese Denkmuster lernen wir von klein an, und geben sie so mehr oder weniger bewusst auch weiter. Wenn man eine Tochter bekommt, kann man ihr unbewusst mehr traditionelle Aufgaben Zuteilen und zusammen mit den gesellschaftlichen Erwartungen, denen sie ausgesetzt sein wird, kann das ein Auslöser für das Eldest-Daughter-Syndrom sein. Unsere Strukturen sind seit eh und je auf Männer ausgerichtet und auch wenn sich in den letzten Jahren viel getan hat, braucht es deutlich länger, das Patriarchat auch aus den Köpfen der Menschen zu verbannen. Dieser Prozess dauert lange, und wird auch nicht innerhalb von zwei Generationen erledigt sein, und selbst Leute, die sagen, sie können ohne diese gesellschaftlichen Normen denken, werden dazu nie in der Lage sein, da sie seit Geburt an mit Werten, Vorstellungen und Erwartungen aufgewachsen sind. Der Mensch ist und bleibt ein Gewohnheitstier, und es dauert Generationen, bis Gewohnheiten sich verändern.

 

DIE GEBURT DES PATRIARCHATES

 

Seit der Mensch die Landwirtschaft erfunden hat, hat die Frau, anfangs aus praktischen und zufälligen (zum Beispiel der Biologie) Gründen Aufgaben wie die Kinderbetreuung und den Haushalt übernommen. Bevor die Menschen sesshaft wurden, waren diese Aufgaben noch mehr oder weniger gleich auf Mann und Frau aufgeteilt, doch als die Menschen begannen, für längere Zeit am gleichen Ort zu bleiben, änderte sich das. Da die Tier- und Pflanzenwelt in einer Region plötzlich einer deutlich höheren Belastung ausgesetzt war, gingen die Bestände an essbaren Pflanzen stark zurück – die Menschen benötigten mehr Nahrung, als in diesem begrenzten Gebiet nachwachsen konnte. Dadurch mussten die Jagenden längere Strecken auf sich nehmen, um überhaupt an Nahrung zu gelangen. Dadurch wurde die Jagd mit der Zeit ineffizienter, lohnte sich weniger und wenn dann mal etwas gefangen wurde, wurde die Person, die für den Fang verantwortlich war, oft mit Privilegien belohnt. Fleisch wurde zum Statussymbol.

 

Die Fehlenden Kalorien mussten natürlich kompensiert werden und das passierte in ersten Formen des Ackerbaus. Da die Mütter hauptsächlich für den Fortbestand des Stammes oder der Gruppe verantwortlich sind, und durch die Geburt und auch die Folgen dieser deutlich weniger mobil waren als Männer, übernahmen sie oft die Verantworung für ihre kleinen Gärten, da sie dadurch nicht den Strapazen des Jagens ausgesetzt waren. Dieser Wechsel in der Ernährung, von Proteinen zu Kohlenhydraten gepart mit der wenigeren Bewegung führte dazu, dass sich die Gesundheit der Frauen verschlechterte. Ihre Belastbarkeit wurde geringer, ihre Muskeln und Immunsystem schwächer. Natürlich litten die Männer genau so unter diesen Umstellungen, aber Frauen sind durch ihre Menstruation beziehungsweise ihren komplexeren Hormonhaushalt, die kleinere Körpergrösse und den geringeren Muskelanteil im Körper von Grund auf benachteiligt. Durch die eben geschilderten Umstände entstand wahrscheinlich auch das Vorurteil, dass Frauen schwach sind. Ich will die Verantwortung nicht auf diese Siedler abschieben, die nur versucht haben, zu überleben. Dafür prangere ich aber umso mehr die Gesellschaft an, die ab Mitte der 1950er die wissenschaftlichen Mittel hatten, die körperlichen und emotionalen Prozesse, die uns alle unterscheiden zu untersuchen und die Menschen darauf zu sensibilisieren. Und jetzt, wo wir immer mehr und mehr Zusammenhänge erfahren kommt es manchen so vor, als ob wir seit Ewigkeiten rumjammern würden. Das Traurige daran ist, dass wir immer noch rumjammern müssen, weil sich noch nicht alles geändert hat. Ja, wir haben grosser Fortschritte gemacht, aber wer es noch einmal wagt, mir zu sagen, dass wir jetzt doch alles haben, was wir wollen, wird einen wütenden Vortrag zu hören bekommen. Seit wann muss eine Hälfte der Menschheit dafür kämpfen, etwas zu bekommen, was die andere Hälfte seit eh und je besitzt und das Beste dabei ist, sie wird für das Einstehen ihrer Rechte auch noch als undankbar und masslos beschimpft. Ich kann nicht genau sagen, wo diese falsche Schlussfolgerung seinen Ursprung hat, dass es eine begrenzte Masse an Gleichberechtigung gibt, und wenn Frauen mehr davon wollen, Männer weniger davon haben.

 

Es ist mir noch wichtig zu betonen, dass ich es legitim finde, wenn Frauen für eine Zeitperiode aktiv bevorzugt oder gefördet werden, um endlich ein Gleichgewicht zu erreichen, dass die Welt dringend nötig hat. Nicht alle Männer von heute sind schuld an der Situation, in der wir Leben, sondern wir alle haben unseren Anteil daran, auch die Hardcore-Feministin, die sich nicht rasiert und prinzipiell nur. Wir zusammen als Gesellschaft müssen aktiv für eine bessere Welt einstehen, und eine gleichberechtigtere Welt ist eine bessere Welt.

 

BEISPIELE AUS DER KULTUR

 

Das EDS kommt auch in Büchern, Sagen und Serien öfter vor als man denkt. Das älteste Beispiel stammt aus der griechischen Mythologie, nämlich die ältere Schwester von Zeus, Hestia. Alle kennen den Göttervater, den König des Olymps, doch seine ältere Schwester, die genau die gleichen Voraussetzungen hatte wie er wurde in ein Leben am Herd, im Schatten fast aller anderen Götter gedrängt, und das nur, weil sie eine Frau ist. In der griechischen Mytohologie ist sie für den Schutz des Familienfriedens bekannt, gilt als aufopferungsvoll und natürlich ist sie auch eine jungfräuliche Göttin. Ansonsten wird ihr nicht viel mehr Persönlichkeit zugestanden. Auch Jane Bennet aus Pride and Prejudice ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass Betroffenes des EDS die Bedürftnisse anderer vor ihre eigenen stellen, was in besonders in ihrer Beziehung zu Charles Bingley sichtbar ist. In der man sieht, wie sehr Jane ihre Gefühle unterdrückt, um niemanden zu belasten. Sie wirkt so kontrolliert und ruhig, dass andere – einschließlich Bingley – ihre Zuneigung zunächst unterschätzen. Dieses Bedürfnis, „nicht zur Last zu fallen“, ist ein typisches Symptom des EDS.

Etwas modernere Beispiele sind auch Lisa Simpson (Die Simpsons), Katniss Everdeen (Die Tribute von Panem) oder Maeve Whiley (Sex Education).

 

 



AUSWIRKUNGEN DES EDS

 

Ich will nicht, dass das ein Ratgeber wird. Ich will die Aufmerksamkeit auf ein reales Problem lenken, dass noch viel zu unbekannt ist und zu wenig ernst genommen wird, weil es ja nur „ein bisschen Perfektionismus“ ist. Natürlich ist es auch schwierig die Linie zu zwischen tatsächlichen Symptomen und Persönlichkeitsmerkmalen zu ziehen, aber ich, als Betroffene kann mit Sicherheit sagen, dass einige meiner Verhaltensweisen definitiv auf das Eldest-Daughter-Syndrom zurückzuführen sind. Zwischen den oben schon aufgezählten Syptomen gibt es aber noch ein weiters, welches mich persönlich auch am meisten beschäftigt, nämlich, dass durch die Betroffenen dazu neigen können in ihren nichtfamiliären Beziehungen, romantischen wie freundschaftlichen, eine Art Mutterrolle einzunehmen. Älteste Töchter haben oft Schwierigkeiten, sich mit Gleichaltrigen zu verbinden oder Beziehungen zu Menschen im selben Alter aufrechtzuerhalten, weil sie es gewohnt sind, eine betreuende Rolle einzunehmen statt eine gleichberechtigte, da sie die Ganze Zeit diese Ich-Kann-Es-Selber Mentalität im Hinterkopf haben. Da Betroffene oft in einer Care-Taker Rolle aufgewachsen sind, fällt es ihnen dann schwer, diese Verhaltensmuster in Beziehungen, romantischen und platonischen, abzulegen. Das muss gar nicht in Extremen offensichtlich sein, aber zum Beispiel, dass sie öfter der inizierende Part sind und Ausflüge oder Ferien planen oder immer erreichbar sind, falls jemand Hilfe braucht. Eine Betroffene ist die Person in der Freundesgruppe, welche die Einkaufslisten für die Koch-Dates schreibt und währenddessen alle Wünsche und Bedürftnisse aller versucht zu berücksichtigen, welche bei Reisen immer genau weiss, wann welcher Zug auf welchem Gleis fährt, und eine Tasche hat, die keinen Boden zu haben scheint, da sie alles, für jede Situation immer dabeihat, egal ob Pflaster, Kopfschmerztabletten oder Kleingeld. In einer romantischen Beziehung ist sie diejenige, die selbst verletzendem Verhalten mit Verständnis begegnet, weil sie schon früh gelernt hat, emotionale Dynamiken zu lesen und die Ursachen hinter Handlungen zu erkennen – wodurch es ihr schwerfällt, ein Verhalten komplett zu verurteilen, da sie stets das „Warum“ dahinter nachvollziehen kann. Einige Auswirkungen des ESD haben ohne Zweifel auch Vorteile, wie zum Beispiel die erhöhte Sensibilität für Stimmungen, die ausgeprägte Selbstständigkeit oder die scheinbar angeborenen Führungsqualitäten. In manchen Situationen kommen mir meine durch das ESD gegebenen Fähigkeiten sehr zugute, helfen mir Probleme effizienter zu lösen oder einen Streit besser schlichten zu können. Doch man darf die negativen Aspekte nicht verharmlosen, denn diese sind genau so prägend.

 


SCHLUSSFOLGERUNG


Und jetzt? Wir wissen zwar jetzt, was das Eldest-Daughter-Syndrom ist, woher es kommt und was seine Ursachen und Auswirkungen sind, doch wie weiter? Wie schon erwähnt soll das kein Ratgeber sein, sondern Verhaltensmuster erklären, bei denen einem vielleicht gar nicht so bewusst ist, woher sie kommen, egal ob man selber betroffen ist oder jemanden kennt. Es sind bei weitem auch nicht alle Fragen geklärt oder alle Fakten klar. Was wenn man die älteste Tochter einer ältesten Tochter ist? Kommt das Eldest-Daughter-Syndrom auch bei Zwillingen vor? Gibt es globale Unterschiede und Schattierungen? Kann man das Eldest-Daughter-Syndrom therapieren? Oder sollte man einfach lernen, die guten Seiten zu seinem Vorteil zu nutzen? Das Ende dieser Arbeit ist keine Lösung, aber eine Einladung nachzudenken und das Verhalten der ältesten Schwestern in seinem Umfeld vielleicht zweimal zu beobachten.




 

 

 
 
 

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